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„Rotkäppchen muss weinen“ bewegt in Kronach

Am Donnerstag führte das Junge Theater Hof an der RS II erstmals das Klassenzimmer-Stück „Rotkäppchen muss weinen“ auf. Die fesselnde Inszenierung nimmt sich eines herausfordernden Themas an. Die Betroffenheit war groß.

Kronach- Als am Donnerstagmittag an der Siegmund-Loewe-Realschule die Premiere von „Rotkäppchen muss weinen“ endet und Anna Bittner schweigend das Klassenzimmer verlässt, dauert es einen Moment, bis der Applaus einsetzt. Das liegt aber keineswegs daran, dass die neueste, so wichtige Produktion des Jungen Theaters Hof nicht zu fesseln verstand oder bei seinem jungen Publikum – der Schulspielgruppe mit Schülerinnen und Schüler der fünften bis zehnten Jahrgangsstufen – nicht ankam. Im Gegenteil: Man ist noch zu aufgewühlt, zu schmerzvoll berührt, um sofort wieder im „Jetzt“ ankommen zu können. Auch der großartigen Darstellerin Anna Bittner ergeht es nicht anders. Sichtlich berührt, braucht sie einige Augenblicke, bis sie den Beifall genießen kann – So intensiv war ihr Spiel, so sehr war sie in der Handlung.

Endlich Osterferien! Doch statt die freie Zeit zu genießen, steht die abenteuerlustige Malvina vor einer großen Herausforderung. Weil ihre beste Freundin Lizzy im Skiurlaub ist, muss sie das geheime Versteck der beiden allein gegen die nervigen Jungs aus der Neubausiedlung verteidigen. Doch das ist nicht das Einzige, was sie beschäftigt: Malvina muss sich auch um ihren Opa kümmern, ihm Essen bringen und mit ihm Zeit verbringen – etwas, das sie überhaupt nicht möchte. Ihre Familie scheint das wenig zu interessieren. Einzig Opas Nachbarin und ein Junge aus der Neubausiedlung bemerken, dass Malvina sich merkwürdig verhält und da etwas ganz und gar nicht stimmt. 

Täglich werden in Deutschland laut Bundeskriminalamt 54 Kinder und Jugendliche Opfer von sexuellem Missbrauch, die meisten Täterinnen und Täter sind aus dem Familien- oder Bekanntenkreis – Wie kann man einen beredten Roman verfassen über ein Thema, das Schweigen erzeugt? Beate Teresa Hanika gelingt dies in ihrem Roman „Rotkäppchen muss weinen“. Ihr beeindruckendes Debüt widmet sich – wie es in der Laudatio bei der Auszeichnung mit dem Deutschen Literaturpreis heißt – einem Thema, das Tabu und öffentliches Diskussionsthema zugleich ist. Es erzählt die Geschichte der 13-jährigen Malvina, die von ihrem Großvater seit langer Zeit sexuell missbraucht wird. Beate Teresa Hanika zeichnet dabei das Psychogramm einer Familie, die Malvinas Hinweise auf den Missbrauch nicht wahrhaben will und das Thema totschweigt, sowie vom Ringen des Mädchens, den Missbrauch öffentlich zu machen. Es erzählt von Mut, Freundschaft, Resilienz und Hilfsbereitschaft, vom schwierigen Erwachsenwerden; vom Hinsehen und Wegschauen.

Eine solch sensible Handlung, niedergeschrieben auf über 220 Buchseiten, als rund einstündiges Monolog-Stück zu „komprimieren“, hätte schiefgehen können – ist es aber nicht. Das neueste Schauspiel des Jungen Theaters Hof in der Fassung von Jasmin Sarah Zamani ist gelungen, sehr sogar! Getragen wird es von der zutiefst beeindruckenden Anna Bittner, die einen emotional beklemmenden Seelenstriptease hinlegt, der einem bisweilen die Kehle zuschnüren kann, an manchen Stellen nahezu die Luft zum Atmen nimmt. „Ich weiß nicht, warum ich mich nicht bewege. Auch als er mich küsst, schnell und hart auf den Mund, halt ich ganz still!“ – Es sind bewegende Momente, wenn Malvina ihr Innerstes nach außen kehrt, mit vollem Körpereinsatz, Verletzlichkeit, purer Verzweiflung, aber auch voller Hoffnung und Willensstärke. Gleichzeitig gewährt die Verflechtung verschiedener Erzählzeiten und weiterer, durchaus auch humoriger Handlungsstränge – wie die „Verteidigung“ ihres Geheimverstecks gegen die letztlich gar nicht so „nervigen“ Jungs – dem Zuschauer dazwischen immer wieder Zeit zum Durchschnaufen, sodass das Stück ohne zu überfordern auch für ein jüngeres Publikum geeignet ist. „Rotkäppchen muss weinen“ fordert dazu auf, hinzuhören, hinzusehen und zu handeln. Einfühlsam, mit Humor und eindrucksvoller Empathie beleuchtet Beate Teresa Hanika, wie wichtig es ist, über erlebten sexuellen Missbrauch zu sprechen und auf der Suche nach Unterstützung niemals aufzugeben.

„Ich bin Malvina, die Hüterin des Rechts, die Mutige, die sich traut zu springen – immer, auch wenn man den Boden nicht sehen kann“ – Schließlich vertraut sie sich den Menschen an, auf die sie baut – nicht ihrer Familie, denn die hat weggesehen, hat sich geschämt für das, was passiert ist. Malvina erkennt, dass sie sich nicht schämen muss – Es ist ein Sieg des Willens und des Mutes, sich Wahrheiten zu stellen und sie auszusprechen. Manche Geschichte, sagt sie, haben kein Happy End – zumindest kein so großes wie im Film. Dafür gibt es dazwischen viele kleine Dinge, die gut ausgehen.

Seine ersten Vorstellungen im freien Verkauf findet das Schauspiel am Sonntag, den 8. März um 18 Uhr sowie am Samstag, den 11. April um 19.30 Uhr im Studio des Theaters Hof. Die Vorstellungen erfolgen mit geöffneten Saaltüren und gedimmten Licht. Für Schulen und andere Einrichtungen werden zusätzliche Vormittagsvorstellungen im Theater sowie mobil angeboten, so wie nunmehr eben auch an der Siegmund-Loewe-Schule. Nachdem mit der Schulspielgruppe und ihrem Leiter Thomas Hauptmann eine freundschaftliche Kooperation besteht, kamen nunmehr die Nachwuchsdarsteller – gemeinsam mit der Schulpsychologin Mona Taube, der Fachschaftsvorsitzenden Stefanie Schneider und Schulleiter Steffen Rost – in den Genuss der Premiere.

Begleitet wird die im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben“ geförderte Inszenierung vom Verein „Schutzhöhle“ aus Hof, der sich seit 2007 gegen die sexuelle Ausbeutung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen engagiert. Mehrere Mitglieder dieser spezialisierten Fachberatungsstelle waren auch bei der Premiere in der Realschule anwesend; werden doch im Anschluss an die Vorstellungen für Schulen und andere Einrichtungen fachliche Nachgespräche mit der Darstellerin und der Theaterpädagogik angeboten. Andrea Korzendorfer vom Verein „Schutzhöhle“ war es dabei sehr wichtig, bei einem Fragespiel über die verschiedenen Formen von Gewalt und Grenzüberschreitungen mit den Schülerinnen und Schülern ins Gespräch zu kommen.

Anwesend war auch die Regisseurin Jasmin Sahra Zamani, die sich über eine rundum gelungene Premiere sowie durchwegs positives Feedback ihres jungen „Fachpublikums“ freute – ein wahrhaftes, intensives Ereignis, das lange nachwirkt, und der so wichtigen Botschaft, dass jedes Unglück ein Ende haben kann; authentisch, aufrüttelnd, groß!

Nähere Infos finden sich unter www.theater-hof.de, worüber auch Tickets erhältlich sind. hs

Bilder (Urheberrecht: Aylin Kaip!!): Gefangen in einem „Zaun“ der Gefühle, Ängste, aber auch Hoffnung – Anna Bittner legt bei „Rotkäppchen muss weinen“ einen emotionalen Seelenstriptease hin.